Storytelling in der Bürgerbeteiligung: Plädoyer fürs Erzählen

Papier mit Schriftzug in Schreibmaschine

„Es wird zu viel geglaubt, zu wenig erzählt.“ Mit dieser Liedzeile aus dem Song „Stück vom Himmel“ rührt Herbert Grönemeyer an ein Grundbedürfnis des Menschen: erzählen, sich mitteilen, sich einbringen. Im Erzählen bewahren Menschen Erfahrenes vor dem Vergessen, tradieren sie Geschichte und Geschichten, drückt sich Zusammenleben aus, entwickelt sich unsere Kultur. Einander zuhören und voneinander hören weitet den Blick, erleichtert gegenseitiges Verstehen, ermöglicht Perspektivwechsel. Nicht umsonst gelten uns Erzählungen wie Märchen, Sagen und Legenden als hohes Gut.

Wie sehr Geschichten uns emotional berühren (und entsprechend beeinflussen) haben Werbung und Kommunikation längst verstanden: „Storytelling“ heißt das Zauberwort. Gemeint ist, dass Produkte oder auch Personen mit einer Geschichte bzw. Geschichten „aufgeladen werden“. In allem und jedem wird die „Geschichte dahinter“ gesucht, weil sie das jeweilige Produkt bzw. die Person so einzigartig und authentisch erscheinen lässt. Soll heißen: Geschichten zu erzählen, verkauft sich gut.

Kann sich diese Erkenntnis auch die Bürgerbeteiligung zunutze machen? Nein – und JA!

Nein in dem Sinne, dass Beteiligungsformate nicht der Ort sein sollten für Inszenierung und „Verkauf“ von Ideen, Gedanken, Menschen.

Aber „JA!“ in dem Sinne, dass Bürgerbeteiligung viel stärker auf das Format des „Erzählens“ setzen kann. Zusätzlich zu den formellen, gesetzlich geordneten Verfahren der Bürgerbeteiligung können informelle, dialogische Formate die Beteiligung enorm bereichern: Zum Beispiel, indem Zugezogene und Zugewanderte mit Einheimischen ins Gespräch kommen – nicht um den neuen gemeinsamen Alltag zu regeln, sondern um die persönlichen Lebensgeschichten auszutauschen. Oder wenn die Alten mit den Jungen sprechen, von ihren Erfahrungen berichten und gleichzeitig ein offenes Ohr dafür haben, was Jungsein heute heißt. Oder wenn es gilt, wertvolles Wissen (z.B. Ortsgeschichte, Handwerk, Handarbeit, Brauchtum) aufzuheben. Schließlich, wenn Entscheider*innen und Bürger*innen um konkrete Projekte ringen – sich gegenseitig im wörtlichen Sinne zu „erklären“, indem die Hintergründe der eigenen Perspektive erzählend ausgeleuchtet werden.

Was darüber hinaus für das Einführen und Erproben von Erzählformaten spricht? Einiges:

Erzählen können wir mündlich und schriftlich; wir können es im kleinsten Kreis und in der großen Runde. Erzählen können auch diejenigen, für die formelle Verfahren alles andere als barrierefrei sind. Wirklich gut erzählen können oft Menschen, die sich in Debatten eher nicht zu Wort melden. Erzählungen erzeugen Spannung, wir können uns mit dem Erzählten identifizieren oder uns davon abgrenzen. Beides hilft dabei, die eigene Erfahrung einzuordnen und den eigenen Standpunkt zu schärfen.

„Es sind Geschichten, sie einen diese Welt. Nöte, Legenden, Schicksale, Leben und Tod, glückliche Enden, Lust und Trost“, heißt es weiter bei Grönemeyer. Das, was wir uns gegenseitig zu erzählen haben, als Keimzelle für das Zusammenleben in der Gesellschaft – das ist ein spannender Ansatz und für die Bürgerbeteiligung ein offenes, bisher viel zu wenig beackertes Feld. Und es öffnet perspektivisch vielleicht ein kleines „Stück vom Himmel“.

Katharina Mehring

... leitet den Bereich Kommunikation & Marketing. Sie berät in allen Fragen der internen und externen Kommunikation, begleitet Strategie- und Leitbildprozesse, coacht Einzelpersonen und Teams.